Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)
München – Drängeln bringt nichts, wenn bei Parkinson-Patienten die Erstarrung einsetzt.
Brigitte Kämpf, Mitbegründerin des Parkinson-Selbsthilfevereins «evanda – Leben mit Parkinson», lebt seit 15 Jahren mit der Diagnose. «Im Gegenteil: Stress und Angst machen alles nur noch schlimmer.»
Das Freezing – eine Blockade, die Parkinson-Patienten am Weitergehen hindert – tritt ohne Vorwarnung auf. Engstellen wie eine Tür können der Auslöser sein, aber auch Richtungswechsel oder eine auf Grün wechselnde Ampel. «Die Betroffenen erleben das als sehr bedrohlich», erzählt Kämpf. «Manche trauen sich gar nicht mehr aus dem Haus.» Doch selbst in der eigenen Wohnung können Freezing-Situationen auftreten.
«60 bis 80 Prozent der Parkinsonpatienten leiden unter Gangblockaden», sagt Prof. Andres Ceballos-Baumann, Chefarzt an der Schön Klinik München Schwabing, einer Parkinson-Spezialklinik. «Das schränkt sie nicht nur in ihrer Mobilität und Unabhängigkeit ein, sondern erhöht auch das Risiko, zu stürzen und sich dabei zu verletzen», erläutert er. Rund 300 000 Menschen in Deutschland sind betroffen, schätzt die Deutsche Parkinson Vereinigung. Weitere 100 000 hätten erste Anzeichen, ohne von der Diagnose zu wissen. Steife Muskeln, zitternde Hände, stockende Bewegungen und Unbeweglichkeit sind typische Symptome. Heilung ist bislang nicht möglich.
Ihren Ausgang nimmt die Krankheit im Gehirn. Sie lässt Nervenzellen absterben, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Mit Hilfe dieses Neurotransmitters kommunizieren Nervenzellen miteinander. Er ermöglicht die Feinabstimmung von Bewegungen. Fehlt es an Dopamin, stockt die Kommunikation zwischen Gehirn und Muskulatur. Abhilfe versucht die Medizin mit Dopamin-Ersatzstoffen zu schaffen. Allerdings wirken sie bei Parkinson-Patienten meist nur eine gewisse Zeit richtig zuverlässig, dann kommt es zu Wirkungsschwankungen.
Oft tritt das Freezing genau dann auf. Nur manchmal hilft eine Umstellung auf andere Medikamente. Mehr Erfolg versprechen Therapien, bei denen die kritischen Situationen gezielt geübt werden. «Das hat nicht nur den Effekt, dass die Patienten Strategien entwickeln, um aus einer Freezing-Situation wieder herauszukommen, sondern führt auch dazu, dass Freezing weniger oft auftritt und nicht mehr als so belastend wahrgenommen wird», sagt Ceballos-Baumann, der mit seinem Team das «Münchner Anti-Freezing-Training» entwickelt hat.
Dabei wird zunächst analysiert, was beim jeweiligen Patienten das Freezing auslöst: Sind es vor allem Engstellen? Oder stockt die Bewegung immer kurz vor dem Ziel? Diese Situationen werden dann geübt, zunächst in der Klinik, später zu Hause: «Das ständige Wiederholen und Üben ist wichtig, um den Effekt aufrechtzuerhalten», sagt Ceballos-Baumann. Das Anti-Freezing-Training wird in der Regel von den Krankenkassen bezahlt.
Auch andere, oft verblüffend einfache Signale können die Erstarrung lösen: der Lichtpunkt eines Laserpointers auf dem Boden oder ein Stock mit ausklappbarer Querstrebe, die überstiegen werden muss. Denn oft kann die vermeintlich schwierigere Bewegung die Blockade beenden. «Das ist das Paradoxe am Freezing», sagt der Chefarzt der Parkinson-Klinik in Beelitz-Heilstätten, Georg Ebersbach, der auch dem Vorstand der Deutschen Parkinson Gesellschaft angehört.
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