Köln – Einige plaudern entspannt, andere schauen scheinbar ins Leere.
Und wie so oft beim Tanzen: Es sind mehr Frauen als Männer. Auch wenn sie morgen nicht mehr wissen, was am Tag zuvor passierte, wissen die meisten von ihnen genau, was gleich geschehen wird, wenn Georg Stallnig die Musik lauter dreht. In der Kölner Tanzschule heißt es einmal im Monat «Wir tanzen wieder». Das ist ein Angebot für Menschen mit Demenz und ihre Begleiter.
 
Erwartungsvoll sitzt Horst Berghoff am Rand der Tanzfläche. Seine Cola ist noch unberührt. Er wählt immer denselben Tisch aus. Der 78-Jährige ist Stammgast. Vor über acht Jahren hatte Stefan Kleinstück vom Demenz-Service-Zentrum in Köln die Idee, ein Angebot für Menschen mit Demenz zu schaffen. Schnell hatte er die Kölner Tanzschule «Stallnig Nierhaus» für das Vorhaben begeistern können.
Die ersten Tänzer stehen auf. Hier tanzen Frauen mit Frauen, Frauen mit Männern, einige tanzen allein, so wie Horst Berghoff. Er rauscht mit einem breiten Grinsen an den anderen Tänzern vorbei. «Er ist nicht zu halten, wenn Musik ertönt», sagt seine Demenzbegleiterin Birgit Knels.
 
Demenz ist eine der großen Volkskrankheiten. Etwa 1,5 Million Menschen leben in Deutschland mit dieser Erkrankung, die Stück für Stück die Hirnareale zerstört. Jedes Jahr zählt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft 300 000 Neuerkrankungen. Eine Heilung ist trotz intensiver Forschung noch nicht möglich. Deshalb sei es umso wichtiger, einen Raum zu schaffen, in dem die Krankheit keine Rolle spielt, ist Stefan Kleinstück überzeugt.
Es kommt während der Tanzstunde nicht darauf an, wie sich jemand bewegt oder welche Kleidung er trägt. Es sei wichtig, dass er sich nach der Musik bewegt. «Wir tanzen wieder» ist weder Tanztee noch eine klassische Tanzstunde. Tanzlehrer Georg Stallnig schult seine Gäste nicht im Cha Cha Cha oder im Langsamen Walzer. «Es geht darum, sie für zwei Stunden aus ihrem Alltag zu entführen», sagt Kleinstück.
 
Dass Musik und Tanz eine positive Wirkung auf Menschen mit Demenz haben, zeigte Manuela Lautenschläger von der Universität Witten-Herdecke in eigenen Tanzprojekten mit Betroffenen. Auf der Basis internationaler Studien und eigener Forschungen bewies sie, dass Musik den Betroffenen gut tut.
«Musik weckt Erinnerungen und kann einen Schlüssel zu Begegnungen und Dialogen darstellen», sagt Lautenschläger. Verloren geglaubte Ressourcen könnten durch die Musik reaktiviert werden. Angehörige erleben ihre erkrankten Familienmitglieder beim Tanzen deshalb ganz anders. «Sie sind entspannter, aufgeschlossener, verändern ihre Mimik und sind insgesamt fröhlicher.»
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