Covid-19 kann schlafende Viren im Körper reaktivieren – neue Studie liefert Hinweise zu Long Covid

Eine im August 2026 veröffentlichte Studie unter Leitung von Forschenden des Boston Children's Hospital sorgt für Aufsehen: Sie zeigt, dass eine Covid-19-Infektion offenbar mehrere eigentlich ruhende Viren im Körper reaktivieren kann – darunter das Epstein-Barr-Virus und das Cytomegalovirus. Für die Untersuchung werteten 15 biomedizinische Forschungseinrichtungen in den USA Blutproben von mehr als 1.100 hospitalisierten Covid-19-Patientinnen und -Patienten aus. Die Ergebnisse liefern einen neuen Ansatzpunkt, um lang anhaltende Beschwerden nach einer Corona-Infektion – Long Covid – besser zu verstehen.

Was die Studie untersucht hat

Das Forschungsteam analysierte über einen Zeitraum von 40 Tagen nach der Krankenhausaufnahme wiederholt Blutproben der Patientinnen und Patienten und suchte gezielt nach Anzeichen aktiver, eigentlich schlafender Viren. Insgesamt handelt es sich um eine der größten bislang durchgeführten Untersuchungen zu diesem Zusammenhang.

Elf Viren erwachen aus dem Ruhezustand

Die Forschenden identifizierten insgesamt elf unterschiedliche Viren, die im Verlauf der Covid-19-Erkrankung reaktiviert wurden. Am häufigsten nachgewiesen wurden das Epstein-Barr-Virus, Herpes-simplex-Virus Typ 1, das Cytomegalovirus sowie Viren aus der Familie der Anelloviridae – einer wenig bekannten Virusgruppe, die bei rund 90 Prozent der Bevölkerung ohnehin dauerhaft, aber inaktiv im Körper vorhanden ist.

Diese vier Erreger sind der Medizin gut bekannt, auch wenn ihre Reaktivierung im Zusammenhang mit Covid-19 neu ist. Das Epstein-Barr-Virus löst normalerweise das Pfeiffersche Drüsenfieber aus, auch als infektiöse Mononukleose bekannt. Das Herpes-simplex-Virus Typ 1 ist die häufigste Ursache für Lippenherpes. Das Cytomegalovirus verursacht die sogenannte Zytomegalie, die bei Neugeborenen Entwicklungsstörungen auslösen kann. 

Weniger geläufig sind Viren aus der Familie der Anelloviridae: Sie sind zwar weitverbreitet, bislang aber keiner eigenen Erkrankung eindeutig zugeordnet. Vermutet wird jedoch, dass sie indirekt an Störungen des Immunsystems, anderen Virusinfektionen, Hepatitis und sogar Krebserkrankungen beteiligt sein können – und laut der Studie möglicherweise auch bei Long Covid eine Rolle spielen, da sie bei Betroffenen mit anhaltenden Beschwerden häufiger nachgewiesen wurden.

Überraschender Mechanismus: Entzündung statt Immunschwäche

Bislang ging die Forschung meist davon aus, dass ruhende Viren vor allem dann aktiv werden, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Die neuen Daten zeichnen ein differenzierteres Bild: Bei Epstein-Barr-Virus und Cytomegalovirus scheint die Reaktivierung stattdessen mit der körpereigenen Entzündungsreaktion auf die Covid-19-Infektion zusammenzuhängen – nicht mit einer Unterdrückung des Immunsystems. Das stellt die bisherige Lehrmeinung zu chronischen Virusreaktivierungen teilweise infrage.

Die Verbindung zu Long Covid

Besonders interessant für die Long-Covid-Forschung: Die Reaktivierung von Anelloviren war in der Studie auffällig häufig mit anhaltenden körperlichen Einschränkungen und Long-Covid-Symptomen assoziiert. Viele der mit Long Covid in Verbindung gebrachten Beschwerden – etwa starke Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Muskelschwäche oder Konzentrationsprobleme – ähneln zudem Symptomen, die auch bei einer Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus (EBV) auftreten können. Allerdings zeigen andere, neuere Untersuchungen ein gemischteres Bild. Ein signifikanter Zusammenhang zwischen nachweisbaren EBV-Aktivitäten in der akuten Phase und einer späteren Long-Covid-Diagnose ließ sich nicht durchgängig bestätigen. Die Datenlage zur genauen Rolle einzelner Viren bleibt damit vorerst uneinheitlich.

Was bedeutet das für Betroffene?

Für Menschen mit einem leichten Covid-19-Verlauf hat der Befund zunächst keine unmittelbare praktische Konsequenz – die untersuchten Patientinnen und Patienten waren durchweg hospitalisiert, also schwer erkrankt. Für die Behandlung schwerer Verläufe könnte das Wissen um mögliche Virusreaktivierungen jedoch relevant werden, etwa um Fieber- oder Erschöpfungssymptome nach überstandener Infektion richtig einzuordnen. Die Studie liefert vor allem eine mögliche biologische Erklärung dafür, warum manche Menschen auch Wochen oder Monate nach der akuten Infektion noch mit Beschwerden zu kämpfen haben.

Einordnung und offene Fragen

Wichtig für die Bewertung: Die Studie untersuchte ausschließlich hospitalisierte, also schwer erkrankte Patientinnen und Patienten. Ob und in welchem Ausmaß sich die Befunde auf leichte oder symptomlose Verläufe übertragen lassen, ist offen. Auch die genaue Rolle der bislang wenig erforschten Anelloviren muss in weiteren Studien untersucht werden, bevor daraus diagnostische oder therapeutische Konsequenzen abgeleitet werden können.

Fazit

Die neue Untersuchung liefert einen der bislang systematischsten Belege dafür, dass Covid-19 das innere Gleichgewicht ruhender Viren im Körper stören kann. Für die Long-Covid-Forschung ist das ein vielversprechender, aber noch nicht abschließend geklärter Ansatzpunkt – weitere Studien müssen zeigen, welche der reaktivierten Viren tatsächlich ursächlich an anhaltenden Beschwerden beteiligt sind.

Quellen

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