Cyberchondrie: Wenn die Suche nach Symptomen zur Angst wird

Ein Ziehen im Rücken, ein hartnäckiger Kopfschmerz, ein Fleck auf der Haut – und schon greifen viele zum Smartphone, statt erst einmal abzuwarten. Zwei, drei Klicks später steht man mitten in einer Welt aus dramatischen Krankheitsverläufen und vermeintlichen Diagnosen. Fachleute nennen dieses Phänomen Cyberchondrie, ein Kunstwort aus „Cyber“ und „Hypochondrie“. Der Begriff beschreibt laut Heiko Graf, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am Städtischen Klinikum Karlsruhe, ein Phänomen – keine eigenständige, klassifizierte Erkrankung.

Fast jeder googelt – aber nicht jeder bekommt ein Problem damit

Wie verbreitet die Selbstrecherche ist, zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse KKH: 91 Prozent der Befragten haben demnach schon einmal zu Krankheiten und Symptomen im Netz recherchiert, egal ob sie selbst betroffen waren oder jemand aus ihrem Umfeld. Rund ein Drittel gab an, sich dadurch schon einmal einen Arztbesuch gespart zu haben, 13 Prozent haben sich bereits selbst diagnostiziert. Unter den 16- bis 34-Jährigen war es sogar jeder Fünfte.

Grundsätzlich sei daran nichts falsch, sagt KKH-Psychologin Isabelle Wenck: „Wer im Netz nach Krankheiten und Symptomen googelt, macht erst einmal nichts falsch.“ In den meisten Fällen verbessere dies sogar die eigene Gesundheitskompetenz – vorausgesetzt, die Informationen seien seriös und aktuell.

Wann aus dem Nachschlagen ein Teufelskreis wird

Kritisch wird es laut Wenck vor allem für Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere für jene, die bereits eine konkrete Angst vor schweren oder unheilbaren Krankheiten haben. Bei ihnen könne sich aus der Online-Suche ein regelrechter Teufelskreis entwickeln, den Fachleute auch als Morbus Google bezeichnen: Betroffene surfen stundenlang nach Erklärungen für ihre Beschwerden, ziehen falsche Schlüsse, überdramatisieren ihre Symptome und stellen sich schlimmstenfalls dramatische Eigendiagnosen.

Eine Studie der Universität Mainz beziffert den Anteil der Menschen mit starken Gesundheitsängsten in Deutschland auf immerhin sechs Prozent – Tendenz steigend. „Man sieht einen Anstieg der Angsterkrankungen in den letzten 30 Jahren“, sagt Graf. Besonders betroffen seien unter 35-Jährige, weil diese Gruppe das Internet häufiger nutze und sich Angststörungen zudem eher im jüngeren Lebensalter entwickelten. Auch Menschen mit erhöhter Grundängstlichkeit oder solche, die schlecht mit Unsicherheit umgehen können, seien anfälliger. Studien gehen davon aus, dass bei 30 bis 50 Prozent der Menschen die Angst vor Erkrankungen steigt, wenn sie im Internet danach suchen.

Der fehlende Kontext: Warum Ärzte anders suchen als Suchmaschinen

Aus Sicht von Graf liegt das Grundproblem nicht im gelegentlichen Nachschlagen einer Erkrankung, sondern darin, dass daraus eine Angststörung und hypochondrische Angst entstehen kann. Die Grenze sei fließend: „Irgendwann bekommt die Suche nach Krankheiten einen zwanghaften Charakter.“ Betroffene entwickelten zwar meist einen Leidensdruck, würden aber häufig erst von anderen auf ihre unbegründeten Ängste angesprochen – etwa, wenn Ärztinnen und Ärzte auffällt, dass ein Patient bereits viele Mediziner konsultiert hat und wiederholt an unauffälligen Befunden zweifelt.

Ein zentraler Unterschied zur ärztlichen Diagnose: Mediziner berücksichtigen bei ihrer Einschätzung auch Wahrscheinlichkeiten, etwa wie häufig eine Erkrankung in einem bestimmten Alter überhaupt auftritt. „Diesen Kontext hat man häufig nicht, wenn man im Internet nach einzelnen Symptomen recherchiert“, erklärt Graf. „Dann landet man bei der Recherche über Kopfschmerzen innerhalb von drei Klicks beim Hirntumor, obwohl Spannungskopfschmerzen oder Migräne viel wahrscheinlicher sind.“ Hinzu kommt: Nach Einschätzung des Experten sind mindestens 40 Prozent der Gesundheitsinhalte im Netz nicht verifiziert oder schlicht falsch – besonders häufig bei Krebserkrankungen. Auch KI-Anwendungen wie Chatbots hält Graf für problematisch, weil sie ähnlich ungefiltert auf Webinhalte mit fragwürdigen Angaben zurückgreifen können.

Was gegen Cyberchondrie hilft

Wer den Verdacht hat, selbst betroffen zu sein oder es bei einer nahestehenden Person zu beobachten, muss nicht gleich das Schlimmste befürchten. Hilfe bietet vor allem Psychotherapie, Medikamente kommen laut Graf eher selten zum Einsatz. Mit einer Verhaltenstherapie lasse sich – auch ambulant – schon binnen etwa 25 Sitzungen viel erreichen. Wichtig sei dabei zunächst nicht, mit den Betroffenen darüber zu diskutieren, dass keine körperliche Erkrankung vorliegt, sondern ihnen Strategien zu vermitteln, wie sie auf ihre Angst reagieren können.

Für alle anderen gilt: Ein gelegentlicher Blick ins Netz bei Beschwerden ist kein Problem, solange man seriöse Quellen nutzt und im Zweifel den Befund von einer Ärztin oder einem Arzt einordnen lässt – statt sich allein auf die eigene Online-Recherche zu verlassen.


Dieser Artikel wurde mithilfe von KI vorbereitet und anschließend redaktionell geprüft und überarbeitet.

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