Darmmikrobiom und Blutdruck: Was Probiotika wirklich leisten
Der Darm gilt als Taktgeber für Verdauung und Immunsystem. Zunehmend rückt er auch bei Herz und Kreislauf in den Blick. Immer wieder wird gefragt, ob sich mit Probiotika der Blutdruck senken lässt. Die Antwort ist: möglicherweise ein wenig, aber die Datenlage ist dünner, als viele Werbeversprechen vermuten lassen.
Was das Darmmikrobiom mit dem Herzen zu tun hat
Im Darm lebt ein dichtes Geflecht aus Bakterien, das Mikrobiom. In einer Übersichtsarbeit von Priv.-Doz. Dr. Nadine Kretschmer im Journal MED (Stand März 2025) werden Veränderungen dieser Darmflora, eine sogenannte Dysbiose, mit koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck und Arteriosklerose in Verbindung gebracht. Als wichtige Vermittler gelten Stoffwechselprodukte der Bakterien. Kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat wirken entzündungshemmend und stärken die Darmbarriere. Die Substanz TMAO, die aus Cholin und L-Carnitin entsteht, wird dagegen mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall assoziiert.
Bei Menschen mit Bluthochdruck fanden Studien tendenziell eine geringere Artenvielfalt und weniger Bakterien, die kurzkettige Fettsäuren bilden. In einem oft zitierten Tierversuch entwickelten keimfreie Mäuse einen höheren Blutdruck, nachdem ihnen Darmbakterien von Menschen mit Hypertonie übertragen worden waren. Wichtig ist die Einordnung: Das sind überwiegend Beobachtungen und Tierversuche. Sie zeigen einen Zusammenhang, aber nicht, dass die Darmflora den Bluthochdruck verursacht.
Was Probiotika beim Blutdruck bewirken können
Eine Meta-Analyse von 2014 (Sun et al.), die neun Studien mit knapp 550 Teilnehmenden zusammenfasste, ergab im Durchschnitt eine Senkung des systolischen Blutdrucks um etwa 3,6 mmHg und des diastolischen um etwa 2,4 mmHg. Der Effekt zeigte sich nur bei einer Einnahme von mindestens acht Wochen, bei Präparaten mit mehreren Bakterienarten und am deutlichsten bei Personen mit bereits erhöhten Werten ab etwa 130/85 mmHg.
Das klingt nach wenig, und das ist es auch: Medikamente senken den Blutdruck in der Regel deutlich stärker. Hinzu kommt, dass die Analyse auf wenigen, kleinen Studien beruht und der genaue Wirkmechanismus unklar ist. Probiotika können also allenfalls eine Ergänzung sein, aber keinen Ersatz für Blutdrucksenker oder einen gesunden Lebensstil bieten.
Ernährung für eine vielfältige Darmflora
Praktisch am besten abgesichert ist der Rat, den Darmbakterien Futter zu geben. Ballaststoffreiche Lebensmittel wie Hafer, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkorn fördern Bakterien, die kurzkettige Fettsäuren bilden. In der Übersichtsarbeit werden zudem Präbiotika wie Inulin, Pektin und Hafer-Beta-Glucan als mögliche Hilfen für den Cholesterinspiegel genannt. Die Evidenz dazu wird dort allerdings nicht im Detail dargelegt. Wer Bluthochdruck hat, sollte außerdem weiterhin auf Salz, Alkohol, Gewicht und Bewegung achten.
Was noch erforscht werden muss
Methoden wie die Stuhltransplantation oder gentechnisch veränderte Bakterien werden bisher nur in Tiermodellen oder Frühstudien untersucht. Klinische Langzeitdaten fehlen. Wer Probiotika ausprobieren möchte, sollte das mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen und die Blutdruckwerte weiter regelmäßig messen. Blutdruckmedikamente dürfen nicht eigenmächtig abgesetzt werden.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
