Demenz vorbeugen: Warum ein Drittel der Fälle vermeidbar sein könnte
Demenz gilt vielen als Schicksal, das mit dem Alter einfach kommt. Die Forschung zeichnet inzwischen ein anderes Bild: Ein erheblicher Teil der Erkrankungen hängt mit Faktoren zusammen, die sich beeinflussen lassen – vom Blutdruck über das Hörvermögen bis zu sozialen Kontakten. Neue Zahlen aus Deutschland zeigen, wie groß dieser Spielraum ist.
Wie verbreitet ist Demenz in Deutschland?
Nach Angaben des Bundesprogramms „Gesund & aktiv älter werden“ leben hierzulande rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, jährlich kommen etwa 440.000 Neuerkrankungen hinzu. Bis 2050 könnte die Zahl auf 2,7 bis 2,8 Millionen steigen, vor allem durch den demografischen Wandel. Das Risiko wächst mit dem Alter: Ab 60 Jahren ist etwa jede hundertste Person betroffen, ab 80 etwa jede sechste, ab 90 etwa jede dritte. Erbliche Formen machen nur rund ein Prozent der Fälle aus. Eine Heilung gibt es bislang nicht.
36 Prozent der Fälle in Deutschland hängen mit beeinflussbaren Faktoren zusammen
Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Harvard Medical School haben Daten des Deutschen Alterssurveys 2023, einer repräsentativen Befragung von knapp 5.000 Menschen ab 40 Jahren, ausgewertet. Das Ergebnis: Rund 36 Prozent der Demenzfälle in Deutschland lassen sich auf zwölf beeinflussbare Risikofaktoren zurückführen. Besonders ins Gewicht fallen hierzulande Depressionen, Schwerhörigkeit, ein niedriges Bildungsniveau, Übergewicht und Diabetes.
Die Risiken sind dabei ungleich verteilt. Höhere Werte zeigten sich in Ostdeutschland, in ländlichen Regionen, bei älteren Männern und bei Menschen mit niedriger Bildung. Die Autorinnen und Autoren plädieren deshalb dafür, Prävention gezielt dort anzusetzen, wo sich Risiken häufen, statt sie nach dem „Gießkannenprinzip“ zu verteilen.
Die 14 Risikofaktoren der Lancet-Kommission
International stützt sich die Diskussion auf die Lancet-Kommission zur Demenzprävention. Sie nennt in ihrem Bericht von 2024 vierzehn veränderbare Risikofaktoren und schätzt, dass sich weltweit bis zu 45 Prozent der Demenzerkrankungen vermeiden oder hinauszögern ließen. Neu hinzugekommen sind 2024 ein erhöhtes LDL-Cholesterin und unbehandelter Sehverlust.
Zu den Faktoren zählen
- geringe Bildung,
- Schwerhörigkeit,
- hohes LDL-Cholesterin,
- Depressionen,
- Kopfverletzungen,
- Bewegungsmangel,
- Typ-2-Diabetes,
- Rauchen,
- Bluthochdruck,
- Über- und Untergewicht,
- übermäßiger Alkoholkonsum,
- soziale Isolation,
- nachlassendes Sehvermögen und
- Luftverschmutzung.
Laut der Auswertung bei Spektrum.de fallen Hörverlust und erhöhtes LDL-Cholesterin mit jeweils etwa 7 Prozent besonders stark ins Gewicht, der Sehverlust mit rund 2 Prozent.
Wichtig zur Einordnung: Die Prozentwerte beziehen sich auf die Bevölkerung, nicht auf den Einzelfall, und sie addieren sich nicht einfach. Der Demenzforscher Stefan Teipel hält die 45 Prozent selbst für „wenig realistisch“, da sie voraussetzen, dass die Risikofaktoren von Kindheit an vermieden werden. Auch sind die genannten Zusammenhänge statistischer Natur. Wer alle Faktoren im Griff hat, kann dennoch erkranken.
Der Blutdruck als Stellschraube der Lebensmitte
Wie stark sich Gefäßrisiken auswirken, zeigt eine US-Studie mit 12.409 Teilnehmenden, die die Apotheken Umschau schildert: Wer mit 55 Jahren weder rauchte noch Diabetes oder Bluthochdruck hatte, blieb im Schnitt noch rund 30 Jahre ohne Demenz. Bei allen drei Risiken waren es durchschnittlich 17,5 Jahre. Die Bonner Epidemiologin Monique Breteler fasst es so zusammen: Vorbeugung entscheide oft nicht über „Ja“ oder „Nein“, sondern über „Jetzt“ oder „Später“.
Was Sie konkret tun können
Aus den Empfehlungen der Fachleute ergibt sich ein Bündel von Maßnahmen, das auch dem Herzen nützt. Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin sollten regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt behandelt werden; Experten raten zu Gesundheitschecks ab etwa 40 Jahren, inklusive Blutuntersuchung. Hörprobleme gehören früh abgeklärt – in einer Studie verlangsamte ein Hörgerät den geistigen Abbau deutlich. Dasselbe gilt für die Augen: Sehhilfen und Kontrolluntersuchungen zählen zur Vorsorge.
Im Alltag helfen regelmäßige Bewegung (laut Studien mit einem um bis zu 20 Prozent geringeren Risiko verbunden), ein gesundes Körpergewicht, eine mediterran oder nach dem DASH-Prinzip ausgerichtete Ernährung, wenig Alkohol und der Verzicht aufs Rauchen. Ein Helm beim Radfahren oder Skifahren schützt vor Kopfverletzungen. Weiterhin helfen soziale Kontakte etwa im Chor, im Verein oder im Ehrenamt, und geistig aktiv bleiben. Depressionen sollten frühzeitig erkannt und behandelt werden.
Es ist nie zu früh – und selten zu spät
Prävention wirkt über die gesamte Lebensspanne, auch nach einer Diagnose. Modellrechnungen des DZNE zufolge könnten bis 2050 rund 170.000 Fälle verhindert werden, wenn die Risikofaktoren um 15 Prozent sinken, bei 30 Prozent sogar mehr als 330.000. Individuell gilt: Garantien gibt es nicht, aber viele der Maßnahmen verbessern ohnehin die allgemeine Gesundheit. Wer Sorgen wegen des eigenen Gedächtnisses hat oder Risikofaktoren vermutet, sollte das mit der Hausärztin oder dem Hausarzt besprechen.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
